Prekäre Ästhetiken: Caitlyn Jenner und die ästhetische Transition zu Minderheiten. Ein Schlusswort

„On ne naît pas femme, on le devient“ – man wird nicht als Frau geboren, man wird es –, so schrieb Simone de Beauvoir in ihrem berühmten Aufsatz Das andere Geschlecht, 1949.

Fast 70 Jahren später wird das Frau-Werden von Caitlyn Jenner, ehemals Bruce Jenner, zur Sensation: Sie erscheint auf dem Cover des Magazins Vanity Fair und gewinnt innerhalb kürzester Zeit mehr Twitter-Abonennten als jede andere öffentliche Person vor ihr, einschließlich dem US-amerikanischen Präsidenten. Gleichzeitig gibt Caitlyn in der LBGTQ-Community Anlass zur Kontroverse: Ein ehemals weißer, privilegierter Mann, der auch als Transsexuelle den heteronormativen Ästhetikvorstellungen einer Frau entspricht – Vorbild oder Fake? Repräsentation einer Minderheit oder Aneignung einer solchen?

Die Frage danach, wer die ästhetische Transition zu Minderheiten Anteil vornehmen darf, soll in einem Schlusswort von PRECARIOUSAESTHETICS keinen Abschluss bilden, sondern Ausblick darauf geben, was für prekäre Ästhetiken auch zukünftig von zentraler Bedeutung bleiben wird.

Zu Beginn meiner Recherche für diesen Blog, fand ich einen sehr kritischen Beitrag mit dem Titel 5 THINGS PEOPLE CAN ACTUALLY DO FOR TRANS PEOPLE (NOW THAT YOU CARE ABOUT US), der mit Blick auf die Minderheit transsexuelle Frauen wie folgt resümiert:

So, to recap: Transwomen are either models of cisnormative beauty, or they’re dead. Trans youth are either models of cisnormative beauty, or they’re dead. Transmen are either models of cisnormative beauty, or they simply don’t exist. This is the landscape for trans media representation in 2015.

Er nimmt damit Bezug auf die Morde und Suizide von Transsexuellen, die ihr scheinbar positives Medienbild 2015 in Frage stellen. Hier stellt sich die Frage: Entspricht die visuelle Repräsentation von Minderheiten ihren Realitäten?

Die eingangs vorgestellte Caitlyn Jenner erzählt eine ganz eigene Geschichte, im Vergleich etwa zu der ebenfalls erfolgreichen Laverne Cox: Fast ein ganzes Jahr vor Jenner zierte Cox als erste Transsexuelle überhaupt ein Titelblatt, das vom Time-Magazin, neben vielen anderen, und erlangte dabei nicht ansatzweise dieselbe Aufmerksamkeit wie Jenner.  Deren Medienhype begegnete Cox mit dem Hashtag #transisbeautiful, um darauf aufmerksam zu machen, dass es multiple Narrativen von Transsexualität gibt und ihre ebenso wie die von Jenner privilegiert sei.

Der US-amerikanische Talkmaster John Oliver bringt es auf den Punkt: Egal, wie viele Transsexuelle noch Magazin-Titelblätter zieren und wie viel sie damit von sich reden lassen – wenn Transsexuellen etwa in Arizona der Zugang zu öffentlichen Toiletten verwehrt wird, sie andernfalls mit Freiheits- und Geldstrafen belastet werden, entspricht ihre visuelle Repräsentation nicht der Realität.

So scheint es, als gäbe es kein ästhetischen Entkommen vor dem Diskurs, der immer noch viele blinde Flecken aufweist: In seiner Talkshow stellt Oliver mehrfach unter Beweis, dass Transsexualität trotz seiner Überpräsenz in den visuellen Medien von 2015 nicht von allen eindeutig eingeordnet werden kann.

So verwundert es nicht, dass zuletzt transracial mit transsexuell zusammengebracht wurde und Caitlyn Jenner mit Rachel Dolezal gleichgestellt wurde. „Die weiße Schwarze“ ließ hinsichtlich konstruierter vs. individuell gewählter Identität die Frage stellen: „Kann man mit der falschen Hautfarbe geboren werden?“ Eine schwarze Transsexuelle bezieht dazu klare Stellung: Nein, denn die Hautfarbe beziehe sich eindeutig auf die ethische Wurzeln (so wie transracial z.B. die schwarzen Adoptivgeschwister von Rachel Dolezal seien) und zeuge bereits von einem nicht abzulegenden Minderheits- oder Mehrheitsstatus, während das biologische Geschlecht keine Aussage über die sexuelle Identität machen könne. So könne sich Rachel Dolezal nicht eine ethische Minderheit aneignen, die sie nie erfahren hat.

Das Kleine, das Mindere, das Minoritäre, das Prekäre – alles keine Ist-Zustände, kein Sein sondern ein Werden, wie es Gilles Deleuze und Félix Guattari in 1000 Plateaus 1980 beschrieben. Und das Werden konstituiert sich vielmehr über die Transition zwischen zwei Zuständen, als dass es bei einem bestimmten stehen bleiben würde. Man könnte sagen: Es steht auf einer Trennlinie.

Performativ und nicht performativ, bleiben prekäre Ästhetiken ein Medium dafür, diesen Nicht-Zustand abzubilden, anzuzweifeln und zu hinterfragen. Wer an der ästhetischen Transition zu Minderheiten Anteil nimmt, ist in sich eine prekäre Frage.

PRECARIOUSAESTHETICS | Prekäre Ästhetiken – wie sicher ist schön?

Fazit: Nach Ablauf der geplanten sechs Wochen Laufzeit endet dieser Blog. Die kompakte Materialsammlung hat gezeigt, welche Präsenz prekäre Ästhetiken aktuell haben: nicht nur im akademischen Kontext, bezogen auf Film und Kunst, sondern auch in der kommerziellen Ästhetik von Mode und Werbung. Diversität ist gefragt, Prekäres wird sichtbar gemacht: Sexualität, Hautfarbe, Religion, Behinderungen, Alter – immer wieder neue Beispiele erregen vor allem durch die sozialen Netzwerke Aufmerksamkeit und regen damit auch den Diskurs an. Bestimmend für die Rezeption ist, welche Nachhaltigkeit, Wirkung und Beteiligung darin liegt, insbesondere für die dargestellte Minderheiten. Spannungsverhältnisse ergeben sich dabei aber nicht nur zwischen Mehrheit und Minderheit, sondern auch ganz generell zwischen Produzenten und Konsumenten. Während in der Kunst das Politische akzeptiert ist, stehen Mode und Werbung immer noch unter Generalverdacht, wie schon in den 1990ern bei der sogenannten Schock-Werbung von Benetton, die unter anderem die Minderheit der HIV-Infizierten thematisierten. Seitdem scheint das Skandalpotential ferner und soziale Akzeptanz in kommerziellen Ästhetik näher gerückt zu sein, doch die hier aufgeführten Beispiele zeigen, dass beide Pole koexistieren.

Ein Gedanke zu “Prekäre Ästhetiken: Caitlyn Jenner und die ästhetische Transition zu Minderheiten. Ein Schlusswort

  1. Vielen Dank für diesen Artikel. Es ist wirklich schwer in deutschen Medien eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Themen Race, Gender und Sex zu finden. Es scheint mir oft, sogar in vermeintlich gebildeten Kreisen, eine Art Diskursblindheit zu herrschen. „Ja wir leben ja heutzutage in so einer freien Welt, jeder darf jetzt sein was er/sie will.“ Wichtige Unterschiede zwischen sozialen Gruppen gehen in dieser Blindheit komplett verloren. Es ist nicht das gleiche, wenn Bruce Jenner entscheidet Caitlyn Jenner zu sein und Rachel Dolezal sich eine Afro-Amerikanische Identität zulegt. Warum?
    Geschlechtlichkeit ist eine biologisch-kulturelle Kategorie, die man als fluide auffassen kann. Unser Geschlecht ist ein Konstrukt aus genetischen Dispositionen, phänotypischen Merkmalen und sozialer Prägung. Jeder Mensch findet vor allem im Kontrast zu anderen Geschlechtlichkeiten seine eigene Geschlechtsidentität. Genauso verhält es sich mit Sexualität. Natürlich ist es immernoch problematisch, wenn jemand wie Caitlyn Jenner dort als Norm hochgehalten wird, denn, wie schon sehr richtig im Artikel angeführt, handelt es sich dabei doch um einen Menschen, der diverse Privilegien von Männlichkeit, über Weißsein bis zu Ablebodiedness genießt und dessen Geschlechtsmobilität daher nicht repräsentativ für andere Individuen gelten darf. Auch wenn ihre Transsexualität im strengen Sinne als kulturelle Aneignung gelten kann, weil sie eben die Wahl hat eine Frau zu sein ohne ihre Männlichkeitsprivilegien abgeben zu müssen, ist Weiblichkeit doch immer eine Kontrastfolie in ihrer Identitätsfindung gewesen. Man kann es ihr eher „abkaufen“.
    Ganz anders hingegen ist Rachel Dolezals Sinneswandel zu verstehen — allein schon wegen der Hinterhältigkeit, mit der sie gehandelt hat. Aber abgesehen davon: Ethnische Herkunft ist eine biologisch-kulturelle Kategorie, die in keinster Weise als fluide zu verstehen ist. Es handelt sich nicht um ein Spektrum von Identitäten, wie beim Geschlecht oder bei der Sexualität, genauso wenig können dort neue Identitäten wie zb „Queerness“ hinzugefügt werden. Haut ist Haut. Der Kampf ganzer Generationen gegen Sklaventum und Entmenschlichung (der bis heute anhält) wird nie übertragbar sein. Schwarze Menschen haben nicht die Wahl, schwarz zu sein und gerade ein Mensch wie Dolezal, als Repräsentantin der NAACP, weiß das sehr genau.

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